Hart macht Zart

Die Weberdistel, auch Karde genannt, ist eine Jahrhunderte alte Kulturpflanze, die schon in der Antike berühmt war. Sie soll Augenentzündungen gelindert und Lungenkrankheiten geheilt haben. Doch uns von FRAAS interessiert bei der Weberdistel nicht das Innere, sondern das Äußere: ihre Stacheln. Ein Portrait einer verkannten Pflanze, ohne die unsere Schals nicht so exquisit wären, wie sie sind. Geschrieben von Horst Braunersreuther, seit 35 Jahren Produktveredler bei FRAAS in Helmbrechts.

Thistle-Distel_FRAAS„Für mich ist die Weberdistel eine verkannte Schönheit. Denn kein Mensch würde wohl bei der Frage nach seiner Lieblingsblume antworten: „Die Distel“.

Ich schon. Denn ich habe jeden Tag mit ihr zu tun. Und weiß daher, dass sie für uns in der Produktveredelung unverzichtbar ist. Denn ohne diese unscheinbare, stachelige Pflanze hätten unsere Cashmere-Schals nicht den feinen Glanz, der sie so unvergleichlich macht. Denn wir bei FRAAS verwenden die Distel schon seit der Unternehmungsgründung im Jahr 1880. Warum? Weil es ihr Samenkopf in sich hat, beziehungsweise außen dran: Die unzähligen kleinen Widerhaken sind wie kein anderes Werkzeug dazu geeignet, feinstes Cashmere perfekt weich zu kämmen. Oder besser gesagt: zu streichen.

Das geschieht an der Nass-Verstreichmaschine. Natürlich kann man nicht einfach so mit einer rauhen Distel über das feine Cashmere streichen – da wäre der edle Stoff nur noch als Geschirrtuch zu gebrauchen. Nein, man muss die Disteln vorher behandeln, damit sie nicht zu sehr abtragen. Wir tauchen unsere Disteln in heißes Wasser und walzen sie danach etwas platt, damit die Stacheln nicht zu kräftig hervorstehen. Erst dann spannen wir sie per Hand auf Schienen, die dann später an Walzen befestigt werden.

Beim Nass-Verstreichen geht alles um die Locke. Das ist die feine Kräuselung, die das Cashmere so weich macht. Nur durch das sanfte Verstreichen mit den Widerhaken der Distel wird die Locke verstärkt. Und so entsteht die unglaubliche Weichheit, die man als Kunde an unseren Cashmere-Schals so liebt.

Aber auch hier braucht man Fachwissen:
die Locken im Cashmere dürfen nicht gleichmäßig sein, damit sie perfekt sind. Schließlich ist es ja ein Naturprodukt, kein Acrylschal. Damit eine schöne, natürliche Längs- und Querlocke entsteht, muss ich mir beim Bestücken der Schienen die Disteln ganz genau anschauen und große und kleine Distelköpfe im Wechsel aufspannen. Das ist dann keine sehr schöne Arbeit, denn die Disteln sind heiß (durch das heiße Wasser) und stachelig (von Natur aus). Aber nur so entstehen die herausragende Qualität und die einzigartige Oberfläche eines perfekten Cashmere-Schals..

Wir sind übrigens eine der wenigen Firmen, die das noch so machen. Nicht zuletzt, weil diese Prozedur recht aufwändig ist, zumal da die Disteln laufend stückweise ausgewechselt werden müssen. Ganz schön viel Aufwand. Aber es lohnt sich. Das werden Sie merken, wenn Sie einen unserer Cashmereschals ausprobieren. Versprochen. So etwas Weiches haben Sie noch nie getragen.

 

Die Weberdistel wurde schon in der Antike zur Bearbeitung von Stoffen verwendet. Bei der Ernte muss man Geduld mitbringen, denn die Karde, wie sie auch genannt wird, entwickelt erst im zweiten Jahr die eiförmigen, stacheligen Blütenstände. Erst, wenn im Herbst des zweiten Jahres die Blüten abfallen und die Karde austrocknet, beginnt für sie ein zweites Leben: als unverzichtbarer Bestandteil unserer Cashmere-Veredelung.